Die Tiere bei La Fontaine und im modernen Kino: Von der Allegorie zur anthropomorphen Poliphonie
Die Verbindung des Namens des französischen Fabelautors Jean de La Fontaine (1621–1695) mit dem Phänomen des modernen Kinos scheint auf den ersten Blick anachronistisch. Allerdings legte La Fontaine, der die allegorische Tierverwendung systematisierte und in die künstlerische Norm erhob, den Grundstein für ihre spätere Repräsentation in der Massenkultur, einschließlich des Kinos. Ein Vergleich seiner Methode mit den Praktiken des modernen Kinos zeigt sowohl die Kontinuität der Tradition als auch ihre radikale Transformation in der Ära des Postmodernen.
1. La Fontaine: Tiere als rhetorische Masken und soziale Typen.
Bei La Fontaine sind Tiere vor allem festgelegte Allegorien menschlicher Eigenschaften und sozialer Merkmale, die von der antiken (Ezop) und östlichen Tradition übernommen wurden. Ihre Bilder sind von individueller Psychologie frei und dienen streng didaktischen Zwecken:
Löwe — Allegorie der königlichen Macht, Stärke, aber auch Tyrannei.
Reh — Inkarnation der List, Schmeichelei und listigen Geistes.
Wolf — Symbol des Raubtierverhaltens, roher Stärke und ewigen Hungers (sozial und physisch).
Esel — Personifikation von Dummheit, Sturheit und Unwissenheit.
Die Tiere bei La Fontaine sprechen in der eleganten Sprache der hochadeligen Salons des 17. Jahrhunderts, ihre Dialoge sind voll von Ironie und Eleganz. Sie sind nicht Charaktere im modernen Sinne, sondern Funktionen in einer moralischen Fabel. Ihre tierische Natur dient nur als bedingte Maske, hinter der sich die unveränderliche menschliche Essenz verbirgt. Das Ziel ist nicht die Untersuchung des inneren Lebens des Tieres, sondern die Illustration eines universellen moralischen Gesetzes.
2. Moderne Filmkunst: Von der Psychologisierung zur Dekonstruktion der Maske.
Im 20.–21. Jahrhundert übernimmt der Film, insbesondere der Animationsfilm, die La Fontaine'sche Modell, aber es wird radikal neu interpretiert. Man ...
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