Warum will man nach den Bildern Frida Kahlos leben?
Das Phänomen der Wirkung der Kunst Frida Kahlos auf den Betrachter, das nicht Flucht, sondern ein paradoxes Lebensbestätigungsgefühl hervorruft, ist Gegenstand des Interesses der Kunstpsychologie, der Neuroästhetik und der Philosophie. Ihre Werke, die von Bildern von Schmerz, zerrissenen Körpern, blutenden Wunden und existenzieller Einsamkeit erfüllt sind, sollten nach Logik Abstoßung oder Depression hervorrufen. Dennoch erwecken sie bei Millionen von Menschen das Gegenteil — ein scharfes, fast heftiges Verlangen nach dem Leben. Dieser Effekt entsteht an der Schnittstelle mehrerer miteinander verbundener Mechanismen.
1. Der Effekt der «geteilten Schmerzen» und die Katatharsis
Frida Kahlo hat ihre persönliche physische Agonie (Folgen der Polio, schreckliche Unfälle, multiple Operationen, Fehlgeburten) und seelische Qualen (stürmische Beziehungen mit Diego Rivera) meisterhaft in universelle visuelle Symbole transformiert. Der Betrachter wird nicht mit einem naturalistischen Bild des Leidens konfrontiert, sondern mit seiner ästhetisch-mythisierten Form. Die Wurzeln des Körpers wachsen in die Erde hinein («Wurzeln», 1943), der Wirbelkörper wird durch eine ionische Säule ersetzt («Zerbrochene Säule», 1944), das Blut fließt wie Wasser durch Rohre («Was hat mir das Wasser gegeben», 1938).
Das schafft eine psychologische Distanz, die es ermöglicht, Schmerz nicht als Schock, sondern als Gegenstand der Betrachtung zu empfangen. Es geschieht ein Prozess, der von Aristoteles im Konzept der Katatharsis — Reinigung durch Mitgefühl — beschrieben wurde. Der Betrachter, der sieht, dass das Horrifique in etwas Sinnvolles und Schönes in seiner Wahrheit transformiert werden kann, erhält ein Werkzeug zur Arbeit mit seiner eigenen Schmerz. Wenn Frida das ertragen und in Kunst verwandeln konnte, dann können auch seine Leiden sinnvoll und überwunden werden.
2. Absolute Authentizität als Gegengift gegen Falschheit
In einer Welt, die von Ku ...
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