Pater Pavel Florensky über die Küche als Zentrum des Hauses: Ontologie des Alltags und Metaphysik des täglichen Lebens
Für den Priester und Denker Pater Pavel Alexandrowitsch Florensky (1882-1937) war die Küche nicht nur ein utilitäres Raum. In seiner philosophischen Systematik, die Theologie, Kunstwissenschaft und Physik vereinte, erhielt der Alltag und insbesondere die Küche einen tiefen symbolischen und sogar sakralen Status. Sie wurde zum metaphysischen Zentrum des Hauses, einem Raum, wo das Wunder der Transformation des Chaos in den Kosmos, des Todes in das Leben, des Zersplitterten in das Ganze vollbracht wird. Diese Perspektive war eine organische Teil seines Lehrens von der konkreten Metaphysik und der Philosophie des Kultes.
1. Philosophischer Kontext: «konkrete Metaphysik» und die Heiligung des Alltags
Florensky lehnte die abstrakte, vom Leben getrennte Philosophie ab. Sein Ziel war es, das Ewige im Vorübergehenden, das Absolute im Konkreten zu sehen. In seiner Arbeit «Philosophie des Kultes» behauptete er, dass die gesamte menschliche Kultur aus kultischen, liturgischen Handlungen erwachsen ist. Der Alltag, nach Florensky, ist ein «verstreuter Kult», wo sakrale Bedeutungen in alltägliche Praktiken verteilt sind. Das Haus ist eine kleine Kirche, und das Leben darin ist ein Äquivalent des Gottesdienstes.
In diesem Sinne tritt die Küche als:
Äquivalent des Altars: Ein Ort, wo rohes, unorganisiertes Material (Produkte) als Opfer für das Leben der Familie dargebracht wird und in Nahrung verwandelt wird.
Raum der Verwandlung: Hier vollbringt sich das Wunder der Transformation durch das Feuer (Feuer bei Florensky ist ein Symbol der Reinigung und des Geistes). Wie in der Alchemie (deren er interessiert war), wird basisches Metall in Gold verwandelt, so wird auf der Küche «niedere» Materie in Lebenskraft.
Zentrum der familiären «Synergie»: Ein Ort gemeinsamen Arbeitens und Schöpfens, wo die Familie nicht nur konsumiert, sondern mitgestaltet ihre Existenz.
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