«Seien Sie nett!» — lehrt uns unsere Mutter von Kindesbeinen an. «Vielen Dank», «bitte», «entschuldigung» — diese Worte öffnen Türen, glätten Konflikte, schaffen den Eindruck der Harmonie. Aber nettsein hat auch eine Kehrseite. Es kann eine Maske für Aggression sein, ein Manipulationswerkzeug oder ein Weg, Distanz zu wahren. Die Ambivalenz des nettseins — das ist seine Fähigkeit, gleichzeitig Gutes und Böses zu sein. Wir klären, wie nettsein verletzen, erniedrigen und schützen kann. Nettsein als sozialer Kleber Biologisch betrachtet ist nettsein ein Mechanismus zur Senkung des Tension. Ein Lächeln, das Vermeiden direkter Fragen, rituale Phrasen («Wie geht es dir?» ohne das wirkliche Zuhören) erlauben es Menschen, in der Masse zusammenzuleben, ohne einander zu töten. Nettsein ist ein grundlegender Protokoll der Kommunikation: Ich erkenne deine Existenz an, ich will dir kein Leid antun, ich bin bereit zum Zusammenarbeit. Ohne das wäre Chaos. Aber das Problem ist, dass nettsein oft zu einer leeren Form wird. «Vielen Dank» ist automatisiert, «entschuldigung» nicht ehrlich. Und dann entsteht Spannung: Der Mensch fühlt die Falschheit, kann aber keine Einwände erheben — schließlich ist er formell nett. Passive Aggression unter dem Deckmantel der Nettigkeit Eine der giftigsten Formen des nettseins ist die passive Aggression. Zum Beispiel die Phrase «Ich entschuldige mich natürlich, aber könnten Sie leiser sprechen?」 — hier ist das Entschuldigung nicht echt, sondern ein Vorwort zum Angriff. Oder «Sie haben sicherlich nicht bemerkt, aber…» (Untertext: «Sie sind dumm»). Oder «Na was, mir ist das überhaupt nicht schwer» (mit einem schweren Seufzer, der das Gegenteil bedeutet). Diese Art von nettsein ermöglicht es, Aggression auszudrücken, während man sich im Rahmen der Etikette hält. Das Opfer kann nicht antworten, weil der Täter formell nett ist. Das ist ein beliebtes Vorgehen in Büros, unter Nachbarn und in Familien. Nettsein und Distanz Je weniger wir jemanden kennen, de ...
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